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Pilgeraltar

Beschreibung
Dieser kulturgeschichtlich höchst bedeutende Flügelaltar stammt ursprünglich aus der Jakobuskirche der kleinen Ortschaft Tiffen auf halbem Wege zwischen dem Ossiacher See und der Mittelkärntner Stadt Feldkirchen. Die einzelnen Teile sind aus heimischem Lindenholz geschnitzt und zeigen noch zahlreiche Reste einer teilpolychromierten Fassung aus der Entstehungszeit. Das Retabel ist leider nur unvollständig und im beschädigten Zustand überliefert. Der originale Altarunterbau und das Aufsatzgesprenge fehlen etwa zur Gänze. Die heute mit dem Schrein aus Tiffen in der Aufstellung vereinigte, etwas jüngere Predella aus dem Jahr 1518 gehörte früher zu einem anderen Altar in der Pfarrkirche von Gmünd in Oberkärnten. Das fragmentierte Pilgerretabel zählt vor allem wegen der äußerst seltenen Ikonografie seiner Festtagsseite heute zu den Hauptwerken der österreichischen Schnitzkunst der Spätgotik. Sein speziell auf den Pilgerschutz abgestelltes Ausstattungsprogramm zeigt im Schrein die wichtigsten Schutzheiligen für Reisende: den Kirchenpatron Jakobus den Älteren, flankiert von den in Kärnten am meisten verehrten Nothelfern Christophorus und Florian. Das Rankenwerk der stark beschädigten Schleierbretter besteht zum Teil aus Mohnkapseln und Zichorienblüten, typischen Symbolen des Weges und der Wanderschaft. Der Tiffener Altar ist auch das einzige heimische Retabel, das auf seinen vier Flügelinnenseitenreliefs eine Kärntner Sage illustriert, nämlich die aus dem spanischen Jakobswunder von Santo Domingo de la Calzada abgeleitete örtliche Legende von den Tauben zu Tiffen. Die beschwerliche Reise der Compostela-Pilger wird in den Reliefs durch Stadtansichten und hohe Landschaftshorizonte in der Art der Schedelschen Weltchronik versinnbildlicht. Realienkundlich außergewöhnlich sind die Wiedergabe der Schlafszene mit drei Pilgern (Vater, Mutter und Sohn) in einem Bett und die Bekleidung des verurteilten Sohnes am Galgen mit dem Armesünder-Hemd. Das Motiv des wunderbar geretteten Gehängten fand ab dem 12. Jahrhundert durch Pilgerbücher und seit 1460 auch im Holzschnitt und im 16. Jahrhundert sogar durch Flugschriften weite Verbreitung. Mit unserem Beispiel vergleichbare Einzelreliefs mit Galgenszenen aus der Jakobuslegende werden heute im Tiroler Landesmuseum in Innsbruck und im Rosgartenmuseum in Konstanz aufbewahrt. Die ortsspezifische Umdeutung der spanischen Version vom Hühnerwunder in eine lokale Taubenlegende entstand in Tiffen wohl erst im späten 19. Jahrhunderts vermutlich als Reaktion auf die Musealisierung des Retabels im Jahre 1869. Aus derselben St. Veiter Werkstatt des Tiffener Meisters stammen wahrscheinlich ein hl. Georg aus Sternberg in der Schatzkammer Gurk und ein Schmerzensmann im Grazer Diözesanmuseum.
Datierung
um 1510
Material / Technik
Material: Lindenholz Technik: geschnitzt, Relief- und Schnitzplastik
Maße
Objektmaß: 147 x 205 x 25 cm
Geographischer Bezug
Inventarnummern
K 72
Literatur
Schauplatz Mittelalter Friesach. Kärntner Landesausstellung 28. April bis 28. Oktober 2001 in Friesach, Teil 2 (Katalogteil); Klagenfurt, 2001, 40-41, 03.02 Die spätgotischen Altäre Kärntens, Otto Demus; Klagenfurt, 1991, 78-80, 208 Über die Bedeutung des historischen Museums im Rudolfinum zu Klagenfurt, Karl Hauser; Klagenfurt, 1888 Jakobusaltar aus Tiffen, Robert Wlattnig; Klagenfurt, 1994, 380-381
Standort
kärnten.museum