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Mystische Einhornjagd

Beschreibung
Innerhalb der marianischen Verkündigungsikonografie der Spätgotik gebührt den zahlreichen allegorischen Darstellungen der mystischen Einhorn-Jagd unsere besondere Aufmerksamkeit. Mehrere Tafel- und Wandmalereien belegen die weite Verbreitung dieses Themas vor allem im südöstlichen Alpenraum. Das älteste Kärntner Beispiel, ein leider stark fragmentiertes Altarrelief aus der Wallfahrtskirche von Maria Saal, gelangte bereits im Jahre 1851 in die Sammlungen des Geschichtsvereins für Kärnten nach Klagenfurt. Von der ehemals reichen Beschriftung und Farbfassung des Reliefs haben sich nur geringe Reste von Bergblau, Grün, Rot und Gold erhalten. Nach Ausweis der Visitationsberichte war das Maria Saaler Einhornrelief wahrscheinlich ursprünglich Bestandteil des 1643–1688 in die Sachsenkapelle übertragenen spätgotischen Kreuzaltares der Domkirche. Die geistesgeschichtlich interessante Abbildung des Hortus Conclusus, des verschlossenen Gartens, in dem Maria die Frohbotschaft der Verkündigung erfährt, gehört zu den beliebtesten Themen der abendländischen Mystik. In dem komplexen Bildprogramm sind vielfältige Motive aus der religiösen und profanen Dichtung des Hohen und Späten Mittelalters verarbeitet. Sinnbilder aus dem Alten Testament und spätantike Naturfabeln des Physiologus ergänzen die marianische Typologie des Franz von Retz (gest. 1427). Innerhalb des ummauerten Gartens verweisen vor allem die verschlossene Pforte, der versiegelte Brunnen und der achteckige Turm Davids auf die Jungfräulichkeit der künftigen Gottesmutter. Hinter der sitzenden Gestalt Mariae erkennt man außerdem den Altar Aarons, das Goldene Gefäß mit dem Manna und die israelitische Bundeslade in Form eines Reliquienschreins. Pelikan, Bärin, Löwe und der Vogel Phönix symbolisieren hingegen den Opfertod und die Auferstehung Christi. Den Hintergrund des Reliefs bildet eine Hügellandschaft mit der Abbildung des Propheten Jesaias in der Himmlischen Stadt Jerusalem und Moses vor dem brennenden Dornbusch. Im Bildvordergrund erscheint der Erzengel Gabriel mit vier Jagdhunden, von welchen jeder eine Tugend Gottes darstellt: Wahrheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Friede. Rechts unten kniend in ritterlicher Rüstung der Heerführer Gideon mit seinem Orakelvlies, ein braunes Schaffell, das zum Zeichen des Glaubens in der Nacht vom Tau nicht nass wird. Die mariologisch-christologische Maria Saaler Einhornjagd findet in Kärnten zwei typologisch nahezu identische Entsprechungen an den etwas jüngeren Altartafeln von Maria Gail bei Villach und in der Deutschordenskirche zu Friesach. Der erstaunliche Reichtum der Attribute und die hochrechteckige Kompositionsform aller drei Kärntner Beispiele des Hortus Conclusus könnten auf gemeinsame Vorlagen aus der weit verbreiteten Niederländischen und Nürnberger Holzschnittproduktion des frühen 16. Jahrhunderts zurückgehen.
Datierung
um 1510
Material / Technik
Material / Technik Material / Technik: Lindenholzrelief
Maße
Objektmaß: 151 x 114 cm
Geographischer Bezug
Inventarnummern
K 74
Literatur
Die spätgotischen Altäre Kärntens, Otto Demus; Klagenfurt, 1991, 106-114, 241, 269 Das Einhorn und seine Darstellungen in der mittelalterlichen Kunst Kärntens, Franz G. Hann; Klagenfurt, 1899, 78-88 Zur Geschichte der Maria Saaler Holzskulpturen, Alfred Schnerich; Klagenfurt, 1912, 137-140 Spiritalis Unicornis. Das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters, Jürgen W. Einhorn; München, 1976, 368, D 374
Standort
kärnten.museum